Ulrich Klüh profitiert dabei nicht zuletzt von den Erfahrungen der Kolleg*innen des Zentrums für nachhaltige Wirtschafts- und Unternehmenspolitik (ZNWU) am Fachbereich Wirtschaft der h_da, dessen Sprecher er ist. Vor fünf Jahren wurde es gegründet, und die Forschenden fragen darin zum einen sehr konkret und angewandt beispielsweise danach, wie sich die Logistik nachhaltig gestalten lässt oder danach, wie Organisationen aufgestellt sein müssen, um nachhaltig handeln zu können. „Und zum anderen haben wir die Forschung, die sich eher grundsätzlich mit den Wechselwirkungen zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzt“, sagt Klüh: „Das ist der Bereich, in dem ich mit meinem Team tätig bin.“ Neben Volkswirten sind auch Fachleute aus weiteren Sozial- und Geisteswissenschaften darin vertreten. „Wir verbinden eine sozialwissenschaftlich-kritische Auseinandersetzung mit Fragen der Nachhaltigkeitstransformation mit konkreten Themen, beispielsweise aus dem Finanzmarkt oder der Geld- und Fiskalpolitik“, umreißt Klüh seine Herangehensweise.
Dreiklang Klima, Finanzen und Gesellschaft
Das jüngste Projekt, in dem er sich mit diesen Fragen beschäftigt, heißt „Climate Finance Society“ – diesen Dreiklang aus Klima, Finanzen und Gesellschaft untersucht er zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus dem sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut Göttingen, von der Universität Osnabrück und der Universität Paderborn. Auf drei Jahre ist das Vorhaben angelegt, das vom BMBF im Rahmen der Förderlinie „Klimaschutz und Finanzwirtschaft (KlimFi)“ der Strategie „Forschung für Nachhaltigkeit – FONA“ finanziert wird.
Es ist ein hochkomplexes Feld, in dem die vier Teams gemeinsam nach Antworten suchen. Wie lässt sich sicherstellen, dass die nötigen Gelder zusammenkommen, die für die Finanzierung der Klimapolitik nötig sind? Und gelingt es schnell genug, um die Transformation in der wenigen verbleibenden Zeit zu bewältigen? Dazu schaut er sich mit seinem Team zunächst die unterschiedlichen Vorstellungen an, mit denen Notenbanken wie die Bundesbank oder die Europäische Zentralbank und Kreditinstitute wie Sparkassen das Thema Klimafinanzierung angehen. Diese Vorstellungen werden dann mit denen anderer Akteure abgeglichen, wie denen von Förderbanken wie der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau), mittelständischen Unternehmen und auch denen von Aktivist*innen. Erstaunlich ist hierbei, wie unterschiedlich die Vorstellungen teils noch sind: „Für die einen ist die Finanzierung der Klimapolitik eher ein Ding der Privatwirtschaft, für die anderen des öffentlichen Sektors. Für die einen geht es eher um Transfers in den globalen Süden, für die anderen um die Finanzierung der heimischen Wirtschaft; für die einen geht es um Regulierung, für die anderen um Subventionen“, sagt Ulrich Klüh. Diese Pluralität des Feldes auszuleuchten, sei schon in sich eine wichtige Aufgabe, um Missverständnisse zwischen den Akteur*innen zu vermeiden.
Vom Hochwasserschutz bis zum Klempner-Fuhrpark
„Der Finanzierungsbedarf hat eben sehr unterschiedliche Dimensionen. Einige denken zuerst an die öffentlichen Gebietskörperschaften, also zum Beispiel die Gemeinden und Bundesländer, die etwa in Sachen Hochwasserschutz aktiv werden müssen. Aber auch alle privatwirtschaftlichen Einheiten brauchen Geld zum Klimaschutz: Jeder Handwerksbetrieb muss sich beispielsweise seinen Fuhrpark anschauen und ihn umstellen“, sagt Ulrich Klüh. Und er schiebt hinterher: So groß sei das Untersuchungsfeld – von öffentlichen bis zu privaten Akteuren, von der lokalen bis zur globalen Ebene -, dass es sich in seiner Gesamtheit kaum untersuchen lasse. Bei dem aktuellen Projekt greifen die Beteiligten deshalb bewusst nur einen Ausschnitt heraus und untersuchen, wie sich die Klimafinanzierung mit Blick auf die deutsche Gesellschaft umsetzen lässt. „Dabei geht es darum, das Ineinandergreifen von allen Akteuren in der Klimapolitik zu betrachten“, sagt Klüh: „von der Politik über die öffentlichen Banken bis hin zu mittelständischen Unternehmen.“ Wo also tickt eine kleine Firma anders als eine Bank, eine Politikerin oder auch ein Klimaaktivist? Und wie lassen sich diese unterschiedlichen Rationalitäten und Logiken aufeinander abstimmen? Im Projekt „Climate Finance Society“ sollen diese verschiedenen Akteure deshalb miteinander ins Gespräch kommen – etwa bei gemeinsamen Workshops.